Auf jeder EUROGUSS ist der italienische Pavillon die zweitgrößte nationale Präsenz nach dem Gastgeberland Deutschland. Doch setzt man sich mit einem italienischen Gießereibesitzer zusammen, merkt man schnell: Seine Denkweise hat mit der eines deutschen Kollegen erstaunlich wenig zu tun. Die Deutschen reden über Gigacasting-Tonnagen, Industriestrompreise und CO₂-Grenzausgleich. Der Italiener erzählt eher, in welchem Jahr sein Großvater den Betrieb eröffnet hat, wie das Oberflächenfinish für ein Ferrari-Fahrwerksteil aussieht oder warum ein Gießer aus Brescia ein ganzes Berufsleben damit verbringt, einen einzigen Prozess zu perfektionieren.
Dieser Unterschied ist keine Marotte. Er ist der Schlüssel zum Verständnis der italienischen Druckgussbranche.
Italiens Gießereisektor konkurriert auf einer völlig anderen Achse als der deutsche. Wer ihn durch die deutsche Brille liest — mehr Tonnage, mehr Automatisierung, mehr Konsolidierung —, landet zwangsläufig bei den falschen Schlüssen darüber, worin seine Stärken eigentlich liegen und warum sie so schwer zu kopieren sind. (Zur strukturellen Analyse der deutschen Aluminium-Druckguss-Branche siehe »Deutschlands Aluminium-Druckguss-Industrie: Megacasting-Wachstum und die Transformationsherausforderung für KMUs«.)
1. Brescia: Eine Stadt, die seit fünf Jahrhunderten Metall formt
Die italienische Druckgussindustrie konzentriert sich überwiegend im Norden des Landes — genauer gesagt in der Provinz Brescia in der Lombardei. Das ist kein Zufall der Wirtschaftsgeografie. Brescia ist seit der Römerzeit ein Zentrum der Metallverarbeitung: zunächst als Waffenschmiede der Legionen, dann als Europas renommiertester Hersteller von Feuerwaffen und Rüstungen in der Renaissance, später, nach der industriellen Revolution, als das mechanische Herz Norditaliens. Eine gemeinsame Studie der Edison-Stiftung und des italienischen Industrieverbands Confindustria stufte Brescia 2015 als die Provinz mit der höchsten industriellen Wertschöpfung Europas ein. Nicht irgendwo in Baden-Württemberg. Nicht in Bayern. Brescia.
Heute arbeiten im Umkreis von rund 1,3 Millionen Einwohnern mehrere hundert Gießereien und metallverarbeitende Betriebe in und um Brescia. Die meisten sind nach internationalen Maßstäben klein — fünfzig bis dreihundert Beschäftigte sind typisch —, aber ihre Spezialisierung reicht außergewöhnlich tief. Familienführung ist der Regelfall, und viele Betriebe werden inzwischen in der dritten oder vierten Generation geführt.
Brescia stellt nicht nur Gussteile her. Es stellt die Maschinen her, mit denen Gussteile hergestellt werden. Über sechzig Prozent der großen Druckgussanlagen weltweit gehen auf zwei Unternehmen zurück: Italpresse und Idra. Beide wurden in Brescia geboren. Italpresse wurde später von der dänischen Norican-Gruppe übernommen, Idra von der chinesischen LK-Gruppe. Ihre Forschungs- und Entwicklungszentren sowie ihre Kernfertigungskapazitäten sind jedoch nach wie vor tief im industriellen Boden Brescias verwurzelt. Genau das macht das italienische Druckguss-Ökosystem so einzigartig: Es bringt sowohl die Komponenten als auch die Produktionsanlagen hervor. Prozess-Know-how und Maschinenbau-Befähigung befruchten sich gegenseitig in einem geschlossenen Kreislauf, den kein anderer europäischer Cluster vorweisen kann.
2. Die Produktion schrumpft — aber die Geschichte ist interessanter, als die Zahl vermuten lässt
Auf dem Papier sieht die jüngere Entwicklung der italienischen Gießereibranche wenig schmeichelhaft aus. Die gesamte Gussproduktion fiel von rund 2,3 Millionen Tonnen im Jahr 2019 auf etwa 2,0 Millionen Tonnen im Jahr 2024. Das zweite Quartal 2025 brachte einen weiteren Rückgang von 5,9 % gegenüber dem Vorjahr. Fabio Zanardi, Präsident des italienischen Gießereiverbands Assofond, hat in öffentlichen Äußerungen wiederholt seine Besorgnis über die Branchenperspektive zum Ausdruck gebracht.
Doch wer die Gesamttonnage zur Leitkennzahl erhebt, übersieht das eigentlich Interessante am italienischen Druckguss.
Italiens Produktmix unterscheidet sich strukturell vom deutschen. Der deutsche Aluminium-Druckguss lebt von automobilen Großserienteilen — Motorblöcke, Getriebegehäuse, Ölpumpengehäuse. Große Bauteile, große Lose, unerbittlicher Preisdruck. Italien fertigt selbstverständlich ebenfalls Automobilkomponenten, aber seine Kernkunden heißen nicht Volkswagen und Opel. Sie heißen Ferrari, Lamborghini, Maserati, Alfa Romeo und Ducati.
Das ist entscheidend, denn es verändert den gesamten Qualitätsrahmen, in dem eine Gießerei arbeitet. Eine Ferrari-Motorhalterung muss alle mechanischen Prüfungen bestehen — und sie muss dabei gut aussehen. Sichtbare Fließlinien sind inakzeptabel. Entformungsschrägen müssen auf nahezu polierten Standard gebracht werden. Das ist keine Eitelkeit. Es ist das Geschäftsmodell der italienischen Automobilindustrie: Diese Unternehmen verkaufen keine Fortbewegungsmittel, sondern Objekte der Begierde. Und die Gießereien, die dieses Ökosystem beliefern, haben folgerichtig ein völlig anderes Qualitätsverständnis und eine andere Produktionslogik entwickelt.
Ein Nebeneffekt dieser Logik ist aufschlussreich: Italienische Druckgießer erzielen in der Regel deutlich höhere Margen pro Bauteil als ihre deutschen Pendants, aber ihre Gesamtvolumina und Umsätze sind erheblich kleiner. In einem globalen Branchennarrativ, das von Größe besessen ist, bleibt der italienische Weg weniger sichtbar. Sein Burggraben dürfte jedoch um einiges tiefer sein.
3. Energie und Geografie: Weniger schmerzhaft als in Deutschland, aber weit entfernt von einfach
Während der Energiekrise 2022 standen die italienischen Gießereien unter weniger starkem Druck als ihre deutschen Pendants, doch von »behaglich« konnte keine Rede sein. Italiens Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas war geringer als die Deutschlands — algerisches Gas über die TransMed-Pipeline, kombiniert mit LNG-Spotkäufen über mehrere Regasifizierungsterminals, verschaffte dem Land einen diversifizierteren Energiemix. Aber diese Diversifikation war ein Sicherheitspolster, kein Freifahrtschein. Die italienischen Industriestrompreise verdoppelten bis verdreifachten sich in der Spitze 2022–2023 ebenfalls.
Das hartnäckigere Problem für die italienischen Gießereien heißt Türkei. Um 2024 herum überholte die Türkei — gestützt auf niedrigere Energiekosten, eine schwächere Währung und flexiblere Arbeitsregelungen — Italien als zweitgrößten Gussproduzenten Europas. Türkische Gießereien haben nicht nur Marktanteile in den mittleren und unteren Segmenten erobert, die zuvor von italienischen Betrieben dominiert wurden, sondern üben auch direkten Preisdruck auf den osteuropäischen und deutschen Märkten aus.
Italiens Antwort ist kein Preiskrieg. Den kann es sich nicht leisten. Die Strategie lautet: weiter nach oben klettern — komplexere Teile, engere Toleranzen, schwerer substituierbare Komponenten. Oberhalb der effektiven Reichweite der Türkei bleiben.
4. Gigacasting: Italien ist im Spiel — nur leiser
Die europäischen Gigacasting-Schlagzeilen werden seit Langem von deutschen Namen dominiert — Handtmann, BMW Landshut, VW Kassel. Italiens Profil in dieser Debatte war auffallend flach. Das bedeutet jedoch nicht, dass Italien abwesend wäre.
Im November 2025 nahm FOMA (Fonderia Manganese) mit Sitz in der Lombardei Italiens erste 4.600-Tonnen-Großdruckgusszelle in Betrieb — gebaut von Italpresse, italienisch konstruiert, italienisch installiert. Dies ist kein Pilotversuch. Es handelt sich um eine serienreife Linie, die bereits Musterteile produziert. FOMAs Schritt platziert Italien unmissverständlich in der ersten Reihe von Europas Gigacasting-Zweitliga.
Mindestens ebenso bedeutsam ist der Fußabdruck, den chinesische Maschinenbauer in Italien hinterlassen. Haitian — einer der größten chinesischen Hersteller von Spritzgieß- und Druckgussmaschinen — hat eine Montagelinie in Brescia errichtet. Das signalisiert zwei Dinge gleichzeitig: dass der italienische Markt selbst chinesische Ausrüstung kauft und dass Italien zum Brückenkopf für chinesische Druckgussmaschinen-Hersteller beim Eintritt in den europäischen Markt wird. Brescias Gießereihandwerker werden auf heimischem Boden Schulter an Schulter mit chinesischen Ingenieuren Maschinen einfahren.
5. Was das für chinesische Zulieferer bedeutet
Für chinesische Druckgießer und Maschinenbauer, die in den europäischen Markt eintreten wollen, ist Italien weder der einfachste noch der uninteressanteste Weg.
Zunächst das Schwierige. Die Erwartungen italienischer Kunden an Oberflächenqualität, optische Konsistenz und die Flexibilität, Kleinserien mit hoher Variantenvielfalt zu liefern, übertreffen routinemäßig das, was deutsche Abnehmer verlangen. In Deutschland kann man erfolgreich sein, indem man die Spezifikation erfüllt. In Italien muss man sie unter Umständen übertreffen — denn der ästhetische Maßstab des Kunden steht nicht auf der Zeichnung, sondern im Auge eines Designers.
Die Chancen sind ebenso real. Erstens der Ausrüstungsmarkt: Italien ist sowohl globales Fertigungs- als auch globales Konsumzentrum für Druckgussmaschinen. Die Lieferketten von Italpresse und Idra enthalten selbst erhebliche Volumina an Guss- und Bearbeitungsbedarf. Ein chinesischer Zulieferer, der im Cluster von Brescia Fuß fasst, erhält Zugang zur globalen High-End-Druckguss-Ausrüstungslieferkette — eine Qualifikation, die weit über Italien hinaus Türen öffnet.
Zweitens durchlaufen die italienischen Familiengießereien einen Generationenwechsel. Viele Erben der dritten und vierten Generation haben wenig Interesse an oder Fähigkeit zur Führung eines Gießereibetriebs. Das schafft ein Zeitfenster für externe Partnerschaften und Übernahmen, das es vor einem Jahrzehnt noch nicht gab.
Drittens: Haitian hat bereits in Brescia gebaut. Der Weg ist nachweislich gangbar. Die Frage ist nicht, ob es geht, sondern wer es tut und wie.
Der italienische Druckguss ist nicht »Europas Billigoption«. Diese Rolle gehört der Türkei. Italiens Rolle ist etwas, das schwerer zu bepreisen und schwerer zu verdrängen ist: der Hüter der europäischen Präzisionsgießerei und einer jahrhundertealten ästhetischen Tradition. In einer globalen Lieferkette, die von Jahr zu Jahr homogener wird, dürfte gerade diese Unersetzbarkeit der nachhaltigste Wettbewerbsvorteil sein.
Datenquellen: Assofond-Branchenbriefings, WFO Global Foundry Census, NürnbergMesse EUROGUSS-Daten, GIESSEREI-Magazin, Foundry Planet-Branchenberichterstattung, CAEF European Foundry Association. Einige Zahlen sind branchenübliche Größenschätzungen.