Taucht ein fehlerhaftes Druckgussteil in der Wareneingangsprüfung auf, lautet die erste Reaktion meist operativ: Wie viele Teile sind betroffen? Wie sortieren wir? Wer trägt die Kosten? Die schwierigere Frage — und die entscheidet darüber, ob auch die nächste Lieferung Probleme macht — ist das Warum.
Defekte sind selten Zufall. Jede Kategorie weist auf eine konkrete Schwäche im Lieferantenprozess. Wer Defekte als Signale liest und nicht nur als Symptome behandelt, kann einschätzen, ob die Zusammenarbeit fortgesetzt, verschärft oder beendet werden sollte.
Im Folgenden die fünf Defektfamilien, die wir bei Aluminium-Druckgussteilen aus China für den europäischen Markt am häufigsten sehen — und was sie über das Werk dahinter aussagen.
1. Kaltlauf
Ein Kaltlauf ist eine sichtbare Naht auf der Bauteiloberfläche: Zwei Schmelzströme sind aufeinandergetroffen, haben sich aber nicht verschmolzen. Er sieht aus wie ein Riss, ist aber eine Oberflächenlinie — oft an gekrümmten Konturen oder dort, wo das Metall vom Anguss bis in entfernte Kavitätsecken einen langen Weg zurücklegen musste.
Typische Ursachen im Lieferantenwerk:
- Schmelztemperatur zu niedrig oder Schmelze zu lange vor dem Schuss warmgehalten — Ofenregelung oder Transferzeitung zu lasch.
- Angusssystem schlecht ausgelegt — das Metall kühlt unterwegs ab, bevor es die entfernten Bereiche erreicht. Das ist ein Werkzeugproblem, kein Prozessproblem; es bessert sich nicht von allein.
- Zykluszeit unter Lieferdruck verkürzt — Teile werden gezogen, bevor die Kavität vollständig gefüllt und unter Druck steht.
Ein einzelner Kaltlauf in einer 50-Stück-Stichprobe ist Rauschen. Wiederholt sich derselbe Kaltlauf über mehrere Sendungen hinweg an derselben Stelle, ist ein Werkzeugumbau-Gespräch fällig.
2. Gasporosität und Lunker
Zwei physikalisch verschiedene Defekte, die in chinesischen 8D-Reports häufig unter einem Etikett landen.
Gasporosität ist rund, unter der Oberfläche, oft verteilt — verursacht durch eingeschlossene Luft oder Volatilgase in der Schmelze. Lunker sind unregelmäßig, meist im dicksten Bauteilabschnitt — die Oberfläche erstarrt zu schnell, während der Kern noch schwindet.
Warum die Unterscheidung wichtig ist:
- Gasporosität lässt sich meist durch Entlüftungsänderungen, Anpassung des Trennmittels und Schmelzentgasung beheben — Prozessebene, Wochen statt Monate.
- Lunker deuten oft auf ungünstige Wanddicken oder falsch platzierte Kühlkanäle hin — Werkzeugänderung nötig, mit Kosten, Zeit und der Frage, wer zahlt.
Typische Hinweise auf Prozessprobleme:
- Wird pauschal „Porosität“ gemeldet, ohne beide Defekte zu trennen, fehlt in der Defektklassifizierung ein Prozessingenieur mit Werkzeugverständnis — bei komplexen Bauteilen ein Warnsignal.
- Landet die 8D-Ursache immer bei „Bedienerfehler“ oder „Materialcharge“, findet keine echte Ursachenanalyse statt.
3. Grat
Überschüssiges Metall an der Trennebene zwischen den Werkzeughälften — eine dünne Fahne am Bauteil. Grat ist immer in gewissem Maße vorhanden; ob er zum Defekt wird, hängt von Größe, Lage und Montagewirksamkeit ab.
Typische Ursachen im Lieferantenwerk:
- Verschlissene Trennflächen ohne Wartung. Grat ist einer der günstigsten Defekte zu beheben — und einer der aussagekräftigsten, wenn er ignoriert wird. Wer schweren Grat liefert, verschiebt Wartung; wer Wartung verschiebt, lässt meist auch andere Prozesse driftieren.
- Alternativ: Schließkraft reicht nicht für die projizierte Bauteilfläche — falsche Maschine, strukturelles Problem.
Grat macht ein Teil selten unbrauchbar. Eine gratlastige Sendung ist jedoch oft ein Frühindikator für schwerere Defekte in der nächsten Charge.
4. Einschluss
Fremdmaterial im Guss — typischerweise Oxidhäute von der Schmelzoberfläche, Refraktärfragmente aus der Ofenauskleidung oder nicht vollständig verdampftes Trennmittel.
Typische Ursachen im Lieferantenwerk:
- Schwaches Schmelzmanagement — unzureichende Krätzeentfernung, kein Filter zwischen Warmhalteofen und Schusskammer.
- Zu viel Trennmittel — klassisches Symptom nicht standardisierter Spritzvorgänge.
- Refraktäreinschlüsse deuten darauf hin, dass die Ofenauskleidung abgebaut ist und nicht erneuert wurde — eine Investition im vierstelligen Eurobereich, die aufgeschoben wurde.
Einschlüsse sind selten Einzelfälle. Sie wiederholen sich, bis der vorgelagerte Prozess korrigiert ist. Sortieren im Containment kauft Zeit, beseitigt aber nicht die Ursache.
5. Maßabweichung
Teile bestehen die Sichtprüfung, scheitern aber in der Montage des Kunden, weil ein kritisches Maß außerhalb der Toleranz liegt — häufig Bohrungsdurchmesser, Lage eines Montagelochs oder Gesamtlänge.
Typische Ursachen im Lieferantenwerk:
- Falsche Schwundzugabe oder Werkzeug für eine leicht andere Legierung ausgelegt als die tatsächlich gefahrene — per Werkzeugnacharbeit lösbar, aber teuer.
- SPC als Audit-Dekoration, nicht als Praxis — Regelkarten hängen an der Wand, Drift wird nicht bearbeitet. Defekte kommen in Wellen: hundert schlechte Teile, dann wieder hundert gute.
- Erstmusterdaten selektiv erhoben — eingereichte Muster unter Idealbedingungen gemessen, Serienrealität deutlich breiter.
Besonders tückisch: Dieser Defekt fällt selten schon im Wareneingang auf, weil das Teil optisch in Ordnung wirkt. Gemeldet wird er meist erst in der Montage — dann ist er bereits im laufenden Bestand. Die Containment-Kosten sind hier am höchsten.
Muster erkennen, nicht nur Einzelfälle zählen
Ein Defekt ist ein Datenpunkt. Derselbe Defekt in zwei aufeinanderfolgenden Sendungen ist ein Problemfall. Ein ernstes Gespräch über die Lieferantenbeziehung sollten folgende Kombinationen auslösen:
- Kaltlauf + Grat → Werkzeugpflege im ganzen Werk vernachlässigt
- Porosität + Einschluss → Schmelzführung vorgelagert defekt — kein Einzelchargenproblem, sondern wochenlange Störung
- Maßabweichung ohne andere Defekte → Prozesssteuerung existiert nur auf dem Papier — am gefährlichsten, weil unsichtbar
Wechseln die 8D-Ursachen für dieselbe Defektkategorie von Sendung zu Sendung — mal Bediener, mal Materialcharge, mal Umgebungstemperatur — liegt kein zufällig schlechter Prozess vor, sondern einer, an den entscheidenden Stellen nicht gemessen wird. Die Defekte kommen weiter; nur die Erklärung wechselt.
In dieser Phase ist der größte Nutzen eines Qualitätspartners vor Ort eine ehrliche Einschätzung nach dem Werksrundgang: Lässt sich der Defekt innerhalb eines Quartals beheben — oder ist der Lieferant selbst das Problem?